Wie die Grippe die psychische Gesundheit von Therapeuten und Patienten beeinflusst

Wie die Grippe die psychische Gesundheit von Therapeuten und Patienten beeinflusst

Im Winter 2024/2025 war die Grippe nicht nur eine physische Belastung - sie wurde zur stillen Krise für Menschen, die sonst anderen helfen: Psychologen, Psychotherapeuten und Psychiater. Die Zahl der abgesagten Sitzungen stieg um 42 % im Vergleich zum Vorjahr, laut einer Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie. Doch es ging nicht nur um fehlende Termine. Die Grippe veränderte die Dynamik zwischen Therapeuten und Patienten - und das auf eine Weise, die kaum jemand vorhergesehen hatte.

Therapeuten als erste Betroffene

Viele Therapeuten glaubten, sie seien immun gegen die Auswirkungen von Krankheit - schließlich kennen sie die Symptome, wissen, wie man sich verhält, und haben Zugang zu Ressourcen. Doch die Grippe ist kein gewöhnlicher Schnupfen. Sie sorgt für extreme Erschöpfung, Konzentrationsschwierigkeiten und emotionale Überlastung - genau die Dinge, die Therapeuten brauchen, um ihre Arbeit zu tun.

Ein Fall aus Stuttgart: Eine Klinische Psychologin, die seit 12 Jahren in der ambulanten Versorgung arbeitet, erkrankte im Januar 2025 an der Grippe. Sie konnte drei Wochen lang keine Sitzungen durchführen. Nicht, weil sie körperlich zu schwach war - sondern weil sie nach jedem kurzen Gespräch mit einem Patienten in Tränen ausbrach. Sie beschrieb es als "emotionale Leere", die sie nicht mehr kontrollieren konnte. "Ich hörte die Stimmen meiner Patienten, aber ich fühlte nichts mehr. Nicht Trauer, nicht Wut - nur Leere."

Diese Erfahrung ist nicht selten. Eine Studie der Universität Heidelberg aus dem Jahr 2025 zeigte, dass 68 % der Therapeuten, die an der Grippe erkrankten, innerhalb von zwei Wochen eine vorübergehende emotionale Abstumpfung berichteten - ein Zustand, der als "therapeutische Empathie-Erschöpfung" bezeichnet wird. Es ist kein Burnout im klassischen Sinne. Es ist, als würde das eigene Nervensystem kurzfristig abgeschaltet, um zu überleben.

Die Patienten spüren es - auch wenn sie nicht krank sind

Wenn der Therapeut krank ist, merken die Patienten es. Nicht immer verbal. Aber durch Stille. Durch eine veränderte Stimme. Durch das Fehlen von Blickkontakt, wenn die Sitzung online stattfindet.

Ein 34-jähriger Mann mit schwerer Depression, der regelmäßig mit seinem Therapeuten arbeitete, erzählte nach einer Grippephase: "Ich habe gemerkt, dass er nicht mehr da war. Nicht körperlich - aber seelisch. Als er wieder kam, war er höflich. Aber er hat nicht mehr gefragt, wie es mir wirklich geht. Er hat nur zugehört. Und das hat mich noch tiefer in die Einsamkeit gezogen."

Das ist kein Einzelfall. Patienten mit Angststörungen, PTSD oder Borderline-Persönlichkeitsstörung reagieren besonders empfindlich auf Veränderungen in der therapeutischen Beziehung. Wenn der Therapeut emotional abwesend ist - aus Krankheit oder Erschöpfung - fühlen sich diese Patienten als würden sie erneut verlassen werden. Die Grippe wird so zu einem Trigger für alte Traumata.

Die digitale Therapie: Eine Lösung - oder ein neues Problem?

Nach der Grippe-Welle 2024/2025 setzten viele Praxen auf Video-Sitzungen als Notlösung. Doch das half nicht immer. Wer an Grippe erkrankt, hat oft Fieber, Kopfschmerzen, Muskelkater - und eine schlechte Internetverbindung. Die Sitzungen wurden kurz, oberflächlich, oft unterbrochen.

Ein Therapeut aus Berlin berichtete: "Ich hatte einen Patienten mit schwerer Sozialphobie. Wir haben uns über Zoom getroffen, während ich im Bett lag, mit Kopfhörern und einem kalten Waschlappen auf der Stirn. Ich habe versucht, zu lächeln. Aber er hat es gesehen. Er hat gesagt: ‚Du bist krank. Warum tust du das?‘ Ich habe nicht gewusst, was ich antworten sollte."

Die digitale Therapie kann eine Brücke sein - aber nur, wenn beide Seiten gesund sind. Wenn der Therapeut krank ist, wird die Technik zum Spiegel seiner eigenen Schwäche. Und das macht Patienten noch unsicherer.

Ein Therapeut und ein Patient verbinden sich über einen flackernden Videoanruf, beide in stiller Sorge.

Was passiert, wenn kein Ersatz da ist?

Die meisten Praxen haben keine festen Vertretungen. Ein Psychologe, der krank ist, hat oft niemanden, der seine Patienten übernimmt. Kein Kollege, der die Akten kennt. Kein Kollege, der die Vertrauensbasis versteht. Kein Kollege, der weiß, dass Patientin X bei jedem Thema über ihre Mutter spricht - und dass das ein Zeichen von Trauer ist, nicht von Wut.

Das führt zu einer gefährlichen Lücke. Patienten, die auf regelmäßige Unterstützung angewiesen sind, bleiben ohne Hilfe - oft wochenlang. Eine Analyse der Krankenkassen aus dem Jahr 2025 zeigte: Patienten mit schweren Depressionen, die während der Grippephase keine Therapie erhielten, hatten ein 3,2-fach höheres Risiko, in eine akute Krise zu geraten - mit Notaufnahmen, Krankenhausaufenthalten und Suizidversuchen.

Es ist kein Mangel an Ressourcen. Es ist ein Mangel an Systemen. Kein Therapeut ist eine Insel. Aber das System behandelt sie so.

Was hilft wirklich?

Es gibt keine Wunderlösung. Aber es gibt praktische Schritte, die bereits jetzt wirken.

  • Vertretungsnetzwerke: In einigen Städten wie München und Köln haben sich Therapeuten zu regionalen Vertretungsgruppen zusammengeschlossen. Wenn einer krank ist, übernimmt ein anderer - mit Zugang zu den Akten und einer kurzen Einweisung. Das funktioniert. Und es reduziert die Abbruchrate um 60 %.
  • Digitale Pausen: Therapeuten, die krank sind, sollten keine Sitzungen durchführen - auch nicht online. Stattdessen: Kurze, textbasierte Nachrichten an Patienten. "Ich bin aktuell krank und ruhe mich aus. Ich melde mich, wenn ich wieder da bin. Du bist nicht allein."
  • Emotionale Nachsorge: Nach einer Krankheit brauchen Therapeuten nicht nur Ruhe - sie brauchen Gespräche. Mit Kollegen. Mit Supervisoren. Mit jemandem, der nicht erwartet, dass sie "stark" sind.

Ein Therapeut aus Hamburg, der nach seiner Grippeerkrankung eine Supervision in Anspruch nahm, sagte: "Ich dachte, ich hätte es überstanden. Aber ich war nicht mehr ich selbst. Die Supervision hat mir gezeigt: Ich brauche nicht immer zu helfen. Manchmal reicht es, zu sagen: Ich brauche Hilfe."

Therapeuten unterstützen sich gegenseitig in einer gemütlichen Gruppe, während Patienten von unsichtbaren Händen gehalten werden.

Warum das alles wichtig ist

Die Grippe ist kein Randthema in der psychischen Gesundheit. Sie ist ein Spiegel. Sie zeigt, wie verletzlich das System ist - und wie sehr wir Therapeuten als "Helfer" sehen, statt als Menschen, die auch krank werden können.

Wenn ein Therapeut krank ist, leidet nicht nur er. Leidet nicht nur seine Familie. Leidet nicht nur seine Praxis. Leidet auch jeder Patient, der auf ihn angewiesen ist.

Die Lösung ist nicht, mehr zu arbeiten. Die Lösung ist, mehr zu schützen. Für Therapeuten. Und damit - für alle, die sie betreuen.

Kann die Grippe die Wirkung von Antidepressiva beeinflussen?

Ja. Die Grippe verändert den Stoffwechsel im Körper - und damit auch die Aufnahme und Wirkung von Medikamenten. Viele Patienten berichten, dass ihre Antidepressiva während einer Grippe weniger wirken - nicht weil die Medikamente schlechter sind, sondern weil der Körper unter Stress steht. Ein Fieber von 38,5 °C kann die Halbwertszeit von SSRI-Medikamenten um bis zu 30 % verlängern. Das führt zu unerwarteten Nebenwirkungen oder einem plötzlichen Rückgang der Wirkung. Patienten sollten bei Grippe ihren Arzt oder Psychiater informieren - nicht nur wegen der Therapie, sondern auch wegen der Medikation.

Warum fühlen sich Patienten oft schuldig, wenn ihr Therapeut krank ist?

Weil sie gelernt haben, dass Therapeuten immer da sind - und dass sie ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellen müssen. Viele Patienten mit Traumata haben als Kinder gelernt, dass ihre Emotionen eine Belastung sind. Wenn jetzt der Therapeut krank ist, denken sie: "Ich habe ihn zu sehr belastet. Ich bin die Ursache." Das ist irrational, aber emotional sehr real. Es ist eine alte, verinnerlichte Glaubensstruktur - und sie braucht Zeit und Bestätigung, um sich zu verändern.

Sollten Therapeuten sich gegen Grippe impfen lassen?

Absolut. Die Impfung senkt das Risiko einer Infektion um 40-60 %, je nach Jahr und Virusvariante. Aber es geht nicht nur um den eigenen Schutz. Es geht darum, Patienten zu schützen - besonders jene mit geschwächtem Immunsystem, wie Menschen mit chronischen Depressionen, Schizophrenie oder nach einer Chemotherapie. Eine Studie aus dem Jahr 2024 zeigte: Praxen mit einer Impfquote von über 90 % hatten 70 % weniger abgesagte Sitzungen im Winter. Das ist keine persönliche Entscheidung - das ist eine professionelle Pflicht.

Wie kann man erkennen, ob ein Therapeut emotional erschöpft ist?

Es gibt drei klare Anzeichen: 1) Der Therapeut unterbricht häufig, um zu husten, zu schlucken oder sich zu räuspern - auch wenn es keine körperliche Erkrankung gibt. 2) Er oder sie vermeidet emotionale Themen, die früher besprochen wurden. 3) Die Sitzungen werden kürzer, ohne dass der Grund erklärt wird. Das ist kein Zeichen von Unprofessionell - oft ist es ein Zeichen von Überlastung. Wenn du das bemerkst, sprich es an. Ein guter Therapeut wird es hören - und sich Hilfe suchen.

Gibt es spezielle Angebote für Therapeuten, die nach einer Grippe wieder zurückkehren?

Ja. Inzwischen bieten einige Landespsychotherapeutenkammern kostenlose Nachsorge-Sitzungen an - meist 3-5 Einheiten, die sich speziell an Therapeuten richten, die nach einer Krankheit zurückkehren. Diese Sitzungen sind nicht für Patienten, sondern für die Therapeuten selbst. Sie helfen, die emotionale Distanz zu überwinden, die durch die Krankheit entstanden ist. In Berlin und Hamburg sind diese Angebote bereits etabliert. In anderen Regionen lohnt es sich, bei der Kammer nachzufragen.

Was kommt als Nächstes?

Die Grippe wird nicht verschwinden. Aber wir können lernen, damit umzugehen - nicht als Einzelpersonen, sondern als System. Therapeuten brauchen keine Helden. Sie brauchen Sicherheit. Sie brauchen Unterstützung. Sie brauchen die Erlaubnis, krank zu sein - ohne Scham, ohne Schuldgefühle, ohne Angst, ihre Patienten im Stich zu lassen.

Wenn wir das ändern, wird nicht nur die psychische Gesundheit der Therapeuten besser. Sondern auch die der Menschen, die sie helfen - jeden Tag, jede Sitzung, jede Stunde lang.

3 Kommentare

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    Kari Keuru

    Dezember 2, 2025 AT 21:30

    Diese ganze Diskussion ist so typisch für unsere Gesellschaft: Wir erwarten von Therapeuten, dass sie Supermenschen sind, aber wenn sie krank werden, ist das plötzlich ein Systemversagen? Nein, das ist menschlich. Und wir sollten aufhören, sie zu idealisieren.

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    Edwin Marte

    Dezember 4, 2025 AT 00:06

    Ich finde es absurd, dass manche Therapeuten glauben, sie brauchen keine Vertretung. Das ist wie ein Chirurg, der meint, er könne auch mit gebrochenem Arm operieren. Professionell ist das nicht - das ist Narretei. Wer sich nicht absichern kann, sollte nicht in diesem Beruf arbeiten.

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    Kathrine Oster

    Dezember 4, 2025 AT 14:25

    Es geht nicht darum, ob man krank ist. Es geht darum, ob man bereit ist, die eigene Verletzlichkeit zu sehen. Der Therapeut, der sagt: Ich brauche Hilfe, ist der stärkste Mensch im Raum. Nicht der, der durchhält. Der, der sich fallen lässt.

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